Siglinde S.*: ...wenn man selbst am Zweifeln ist.

Ich hatte anfangs alles: einen gut bezahlten Job, eine Familie und war eigentlich gut ausgelastet.

Doch dann ging es bergab. Meine Ehe ging auseinander, die Firma, für die ich tätig war, musste Insolvenz anmelden und meine Augenkrankheit verschlimmerte sich. Ich habe eine "juvenilen Makuladegeneration", d.h. während das periphere Sehen erhalten bleibt, wird es zunehmend schwieriger, einzelne Personen und Gegenstände visuell wahrzunehmen. Auch das Lesen erweist sich als problematisch. Dreidimensional konnte ich noch nie sehen.

Mit Ende 40 neu anfangen? Als alleinerziehende Mutter mit einer Netzhauterkrankung? Drei Probleme auf einmal. Aber aufgeben wollte ich keinesfalls. Ich musste handeln, wenn ich nicht auf dem Abstellgleis landen wollte. Die "Beratungsstelle für Sehbehinderte" gab mir den Tipp, mich bzgl. einer Jobsuche an "taktilum" zu wenden. Der erste Termin war schnell gemacht. Es handelte sich um ein wirklich freundliches und aufschlussreiches Gespräch. Sehr offen und völlig vorurteilsfrei. Jemand, der die Dinge von der anderen Seite betrachtet. Nicht, was kannst Du nicht, sondern, was schwebt Dir vor? Was sind Deine beruflichen Wünsche, wo willst Du hin? Es wurde ein „Profiling“ durchgeführt, in dessen Rahmen eine Analyse der Fähigkeiten im Mittelpunkt stand. Außerdem wurde mit ebenso offenen und ehrlichen Worten thematisiert, inwiefern mich meine Beeinträchtigung im Job einschränkt.

Ich hatte Glück, denn ich bekam relativ schnell ein Praktikum, durch das der Arbeitgeber von mir hätte überzeugt werden sollen. Leider konnte ich nicht übernommen werden, weil bestimmte Förderungen nicht genehmigt wurden. Weitere Vorstellungsgespräche erfolgten, die ähnlich glücklos verliefen. Herr Großgerge schlug mir daraufhin die Teilnahme an einem Workshop vor. Es stellte sich heraus, dass ich bei Vorstellungsgesprächen mein Gegenüber bzgl. meiner sog. Behinderung im Unklaren ließ und somit eine Unsicherheit hinterließ, die meine potentiellen Arbeitgeber möglicherweise abschreckte. In der Nachbereitung des Workshops arbeiteten wir in Einzelgesprächen an der Beseitigung dieses Mankos. Sehr gut gefallen hatte mir in dem Kontext auch, dass ich im Workshop andere Teilnehmer kennenlernen konnte. Dieses Gefühl, nicht allein zu sein, gab zusätzlich Kraft. Es ist unglaublich schön, auf Gleichgesinnte zu treffen, die alle ihr "Päckchen" zu tragen hatten und trotz ihrer Behinderung, genau wie ich, den Wunsch verspürten, am Arbeitsleben teilnehmen zu wollen. Wir saßen alle im gleichen Boot und konnten uns gegenseitig stützen und unterstützen. 

Nachdem ich gelernt hatte, mich "besser" zu verkaufen, meine Netzhauterkrankung zwar anzusprechen, aber nicht als Hinderungsgrund einer Einstellung zu betrachten, klappte es auch. Ich fand eine wunderbare unbefristete Anstellung.

Zu erwähnen sei indes noch, dass es oftmals nicht genügt, den Willen und Wunsch zu formulieren, einer Tätigkeit nachzugehen, wenn man auf Behörden stößt, die stur nach den Buchstaben des Gesetzes handeln. Die DRV, in die ich jahrelang eingezahlt hatte, sollte mir Hilfsmittel bezahlen. Ich benötigte bspw. einen größeren PC-Monitor, eine bessere Tastatur, eine Leselupe, etc., Gegenstände, die zur Erfüllung des Jobs vonnöten waren. taktilum kooperiert mit der Sehbehindertenberatung. So wurde eine Arbeitsplatzausstattung zusammengestellt, ein Kostenvoranschlag wurde zeitnah eingereicht, aber "mein Fall" wurde einfach nicht bearbeitet. Statt die Problematik zu erkennen, wurde ich immer wieder vertröstet. Die Zeit lief mir davon. Auch da musste Herr Großgerge wiederholt intervenieren und zugegeben, ohne eine Bekannte, die auch in der DRV arbeitete, hätte ich meinen Arbeitsplatz wieder verlieren können.

Mittlerweile arbeite ich seit zwei Jahren als Sekretärin dort und bin überglücklich, dass alles trotz vieler Hindernisse und zusätzlicher Steine, die mir in den Weg gelegt worden sind, geklappt hat.  

Es ist gut, jemanden zu haben, der an einen glaubt und entsprechend hilft, gerade dann, wenn man selbst am Zweifeln ist.     

*Name von der Redaktion geändert

20.04.2012